Deutschlandweite Erhebung · 2024

Sexuelle Belästigung an
deutschen medizinischen Fakultäten

Die größte nationale Studie zum Ausmaß, den Umständen und Folgen sexueller Belästigung im Medizinstudium in Deutschland.

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Wie verbreitet ist sexuelle Belästigung im Medizinstudium?

42,1 % aller befragten Medizinstudierenden berichten, während ihres Studiums sexuell belästigt worden zu sein. Die Prävalenz steigt mit jedem Ausbildungsabschnitt.

42,1%
haben sexuelle Belästigung erlebt
49,3%
haben sexuelle Belästigung
bei anderen beobachtet
50%
der Betroffenen erleben Belästigung
mehr als 3x im Jahr

Zunahme über den Studienverlauf

Je weiter Studierende im Studium fortschreiten, desto häufiger berichten sie von sexueller Belästigung.

Vorklinik
29,8 %
Klinik
46,8 %
Praktisches Jahr
66,0 %
χ² (6) = 276,9; p < 0,001; Cramér's V = 0,14

PJ-Studierende nach Geschlecht

Im Praktischen Jahr berichten drei von vier Studentinnen, während des Studiums sexuell belästigt worden zu sein.

73,5 %
der Studentinnen im PJ
berichten von sexuelle Belästigung im Studium
29,3 %
der Studenten im PJ
berichten von sexuelle Belästigung im Studium

OR = 10,3 [6,2–17,4]; p < 0,001; n = 604

Wer belästigt?

Patient:innen sind die häufigsten Verursacher:innen, gefolgt von Kommiliton:innen und ärztlichem Fachpersonal. Hierarchische Strukturen spielen eine zentrale Rolle.

Klinik & Praxis

Patient:innen
93,8 %
Chef-/Oberärzt:innen
52,5 %
Fachärzt:innen
64,1 %
Assistenzärzt:innen
49,8 %
Pflegepersonal
42,9 %

Universität

Kommiliton:innen
69,2 %
Professor:innen
53,6 %
Wiss. Personal
27,2 %

Angaben in Prozent der betroffenen Studierenden (Mehrfachnennung möglich). Anteil mit mind. einmaliger Erfahrung aus der jeweiligen Personengruppe.

Welche Auswirkungen hat sexuelle Belästigung?

Sexuelle Belästigung beeinflusst die psychische Gesundheit, das Studienverhalten und die Karriereplanung – insbesondere bei der Fachwahl.

52 %

Psychische Belastung

der Betroffenen berichten Auswirkungen auf ihr psychisches Wohlbefinden

68 %

Vermeidungsverhalten

meiden bestimmte Personen oder Situationen aufgrund ihrer Erfahrungen

46 %

Fachwahl beeinflusst

berichten, dass SH-Erfahrungen ihre Wahl der Facharztrichtung beeinflusst haben

Betroffene Fachrichtungen

Chirurgische Fächer weisen die höchsten Belästigungsraten auf.

Chirurgie (gesamt)
1.300
Innere Medizin
946
Allgemeinmedizin
507
Gynäkologie
341
Anästhesiologie
316
Urologie
259

Absolute Häufigkeiten; Mehrfachnennung möglich (n = 2.399)

Sexuelle Belästigung im Medizinstudium ist mehr als eine individuelle Erfahrung – sie ist Ausdruck institutionalisierter Machtdynamiken. Strukturelle Reformen sind dringend notwendig.

— Förstel, Vogt & Drossard, BMC Medical Education (2026)

Warum schweigen Betroffene?

Obwohl Beratungs- und Meldestrukturen an den meisten Fakultäten existieren, melden nur 12,7 % der Betroffenen einen Vorfall. Die Gründe dafür sind vielschichtig.

12,7%
haben einen Vorfall gemeldet
48,5%
kannten die Meldewege nicht oder fanden sie unklar
49%
der Befragten gaben an, kein konsquentes Handeln bei sexueller Belästigung wahrgenommen zu haben

Gründe gegen eine Meldung

  • 71,7 % Unsicherheit in der Einordnung des Vorfalls
  • 66,2 % Erwartung ausbleibender Konsequenzen
  • 48,5 % Meldewege unklar oder unbekannt
  • 38,4 % Angst vor negativen persönlichen Folgen
  • 32,1 % Scham oder Schuldgefühle
97,6 %

Richtlinien vorhanden

der Fakultäten verfügen über Verhaltenskodizes oder Leitlinien zu sexueller Belästigung

31,1 %

Prävention wahrgenommen

der Studierenden berichten, dass proaktive Sensibilisierungsmaßnahmen an ihrer Fakultät existieren

Es besteht eine deutliche Diskrepanz zwischen institutionellen Angeboten und deren Wahrnehmung durch Studierende. Betroffene bewerten bestehende Strukturen signifikant negativer als nicht-betroffene Kommiliton:innen.

— Förstel, Vogt & Drossard, GMS J Med Educ (eingereicht)

Was muss sich ändern?

Aus den Daten beider Studien lassen sich konkrete Empfehlungen für medizinische Fakultäten und Kliniken ableiten.

Null-Toleranz-Kultur

Verbindliche Richtlinien und eine gelebte Haltung – nicht nur in Dokumenten, sondern in Führung, Lehre und Klinikpraxis sichtbar kommuniziert.

Sensibilisierung & Kompetenzaufbau

Gezielte Schulungen für Studierende, Lehrende und klinisches Personal zur Erkennung, Prävention und Reaktion auf Belästigung.

Sichtbarkeit der Meldewege

Beratungsangebote regelmäßig in Einführungsveranstaltungen, Lehre und digitalen Lernplattformen vorstellen.

Psychosoziale Unterstützung

Beratungsstellen als vertrauliche Anlaufstellen positionieren – Fokus auf Entlastung und Beratung statt Schuldzuweisung.

Niedrigschwellige Zugänge

Anonyme, digitale Meldewege und unabhängige Beratung durch geschulte Ansprechpersonen ermöglichen.

Transparente Prozesse

Abläufe und erwartbare Schritte bereits vor Kontaktaufnahme klar darstellen; Rückmeldung an Betroffene geben.

Schutz vor Repressalien

Institutionelles Bekenntnis zum Schutz meldender Personen vor negativen sozialen, akademischen oder beruflichen Folgen.

Konsequentes Monitoring

Meldungen, Maßnahmen und Verbesserungsprozesse erfassen, regelmäßig berichten und für Strukturentwicklung nutzen.

Wissenschaftliche Veröffentlichungen

Die Daten dieser Erhebung sind in zwei wissenschaftliche Publikationen eingeflossen.

BMC Medical Education · 2026 · Open Access
Sexual harassment at German medical schools – a national cross-sectional study
Förstel M*, Vogt M*, Drossard S
doi.org/10.1186/s12909-026-08890-9
GMS Journal for Medical Education · eingereicht
Sexuelle Belästigung im Medizinstudium: Meldewege, Barrieren und institutionelle Rahmenbedingungen – Ergebnisse einer deutschlandweiten Erhebung
Förstel M*, Vogt M*, Drossard S
DOI ausstehend